Die reformierte Gemeinde

bestand in Naila von 1685 bis 1815. Ihren Ursprung verdankt sie jenen Auswanderern, die nach der unter Ludwig XIV. geschehenen Aufhebung des Toleranzedikts von Nantes um ihres Glaubens willen aus Frankreich auswanderten und sich unter dem Markgrafen Christian Ernst zum Theil in Erlangen, Neustadt a. Aisch, Münchaurach, zum Theil in Wunsiedel, Hof und Naila niederließen. Unter dem 25. August 1706 gestattete ihnen der Markgraf, ihren sonntäglichen Gottesdienst nebst Beichte und Communion ungestört in einem Privathause dahier zu halten.

Die Reformierten an den drei letztgenannten Orten wurden 1719 in den presbyterialen Verband der reformierten Gemeinde zu Bayreuth aufgenommen, von dem dortigen Prediger jährlich 1 – 2 male besucht und mit dem hl. Abendmahle versehen, während die übrigen geistlichen Handlungen von den hiesigen lutherischen Geistlichen verrichtet wurden. Jedoch  scheint zwischen beiden Gemeinden oft auch eine kleinliche Eifersucht und Reiberei stattgefunden zu haben, so daß die Reformierten ihre Toten öfters in aller Stille auf ihrem eigenen Gottesacker begruben und die Beziehung eines lutherischen Geistlichen sorgfältig vermieden.

In späterer Zeit haben sich die hiesigen Reformierten an ihre Glaubensbrüder in Holland angeschlossen, von dorther bedeutende Unterstützungen erhalten und sich beim Markgrafen unterm 17. April 1760 sogar die Erlaubnis ausgewirkt, einen eigenen Prediger anzustellen und sich eine eigene Kirche zu erbauen. Der erste reformierte Prediger dahier hieß N e u m a y e r, dessen erstes Werk es war, dass er den lutherischen Studiosus Friedrich, der die reformierte Schule versah, entfernte und einen reformierten Lehrer anstellte. Bis 1760 hatte der reformierte Hofprediger  W ü s t e r  (Der Name des reformierten Hofpredigers ist anderweitig mit Wuest, nicht Wüster, angegeben) von Bayreuth die hiesige Gemeinde mit pastorirt, wie dieß später und bis zur Auflösung der Gemeinde der k. Consistorialrath Dr. Starke gethan hat. Um Gelder zum Kichenbau zu sammeln, reiste mit einem besonderen Certificat des Markgrafen Christian Friedrich vom 21. Juli 1766 der spätere hiesige reformierte Prediger Anton  O r e n o v e   nach Holland; aber der Erfolg muß kein besonders günstiger gewesen sein, da man zwar mit den gewonnenen Geldern die beiden Häuser des Clöter zu einem Pfarr-, Schul-, und Bethaus, und die beiden dazu gehörigen Gärten zu einem Kirchhofe ankaufen, aber keine eigene Kirche erbauen, noch den Unterhalt für einen ständigen Geistlichen bestreiten konnte.

In demselben Jahre wurde auch zur Regulierung der kirchlichen Finanzverwirrung angeordnet, dass der geheime Rath Sastot zu Schlegel Kirchenvorsteher in Naila sein, das hiesige Vogteiamt aber jährlich die Kirchenrechnung abhören und darauf dringen und sehen solle, dass dem Prediger sein Gehalt richtig ausbezahlt die vorhandenen Capitalien aber bei der Landschaftskassa verzinslich angelegt und Friede und Eintracht in der Gemeinde erhalten werde. – Neumayer und Orenove waren unstreitig die einzigen reform. Prediger dahier, während es allezeit reformierte Cantoren gab, von denen der letzte Peter Roux gewesen ist.

Die an und für sich nicht sehr zahlreiche Gemeinde nahm theils durch Todesfälle, theils durch Verehelichung ihrer Mitglieder mit Lutherischen immer mehr ab, bis sie sich im Jahr 1815 vollends gar auflöste, so daß sie ihr Bethaus 1816 und ihren daran liegenden Gottesacker 1836 verkaufte, welch letzterer, wie oben gesagt, von der lutherischen Gemeinde erworben und zur Vergrößerung ihres Begräbnisplatzes mit einer Mauer umzogen wurde.

Seit dieser Zeit besteht in Naila nur eine evangelisch-lutherische Gemeinde, und die wenigen Katholiken in derselben sind wie schon oben bemerkt wurde, seit 1837 ausgepfarrt und der kath. Pfarrei Enchenreuth einverleibt.

Die Hugenotten in Naila

Auszüge aus dem Aufsatz  >Das „Clötterische Hauss“<.
von Prof. Dr.Konrad Tyrakowski „Geschichte am Obermain“ Bd. 10.

Über das Leben der Hugenotten in Naila ist leider wenig bekannt. Der große Brand von 1863 hat viele wichtige Dokumente vernichtet. Eine Quelle finden wir in der Chronik des Pfarrers Dr. Hübsch „Geschichte der Stadt und des Bezirks Naila“, > Die reformierte Gemeinde <.

Neben Hof, Wunsiedel und Bayreuth siedelte Markgraf Christian Ernst im 17. Jahrhundert auch in Naila reformierte Gläubige, Hugenotten, an. Ihres Glaubens wegen aus ihrer Heimat Frankreich in den  Jahren 1685 bis 1705 vertrieben. Der Wunsch des Markgrafen vor allem Bergleute zu gewinnen wurde nicht erfüllt. Obwohl in einem Schreiben des Markgrafen deutlich auf die bergbaulichen Vorzüge im Raum Naila hingewiesen wurde. Da heißt es:

„… Und fast auf dem gesamten Staatsgebiet gibt es eine große Anzahl von Eisenbergwerken, die recht ergiebig und gut an Erzen sind, die sehr weich und für alle Arten von Arbeit geeignet sind; grob und schwierig ist das Material, das zusammen mit Kupfer in den Anlagen von Naila gewonnen wird, welches brüchig und trotzdem sehr geeignet ist für verschiedene Bearbeitungen. …“
(Übersetzung Ulrich Nürnberger).

Ein Alaunsieder ist belegt, alle anderen gingen ihren angestammten Berufen nach: Zeugwirker (Leinenwirker), Wollkämmer, Zeugmacher und ein Kaufmann sind belegt. Später finden wir sie vor allem in den Berufen des Täschners, Gürtlers oder der Handschuhmacher wieder.

Da es sich um wenige Neuansiedler handelte, 1741 bestand die reformierte Gemeinde aus nur sechs Familien mit ca. 30 Personen. Zehn Jahre später hat sich die Kolonie vergrößert, es sind folgende Namen belegt:

Bourdos, Cailhet oder Caillet,
Capuch, Cloeter oder Clötter,
Cout, Cumbule,
Fleurton, Godefroy,
Gout, Martin,
Oulier, Parlonque,
Paßete-Pastete-Paßin, Tirion.

Über einzelne Familien erhalten wir sogar nähere Angaben.
So führt der Landschafts-Commissarius und Amts-Voigt Christoph Wilhelm Keyßer im März 1770 in einem Verzeichnis über die „reformirten Haußhaltungen und Famillien“ u.a. aus:

1.) Christoph Martin, 78. Jahr alt, ist ohne Weib und Kinder, treibt die Zeuchwollen-Spinnerey, ist von mittleren Vermögens Umständen, besitzt ein Hauß, mit Scheune, Stallung und Gartten, dann etwas Feld und Wiesen.
2.) Nicolaus Caleht, 72. Jahr,  dessen Eheweib 63. Jahr, ihr Sohn 26. Jahr, ein Gürtler, die Tochter ist an Bader Wolf in Stambach verehelicht. Treibt ebenfalls die Wollen Spinnerey und besetzt ein Driefhaus (Trüpfhaus), nebst etwas Felder und Wiesen, hat Schulden auf sich, und kann man dessen Vermögens Umständen so genau nicht induzieren.
3.) Des verstorbenen Schulmeister Clötters nachgelassene älteste Tochter, ledigen Standes, nährt sich mit Spinnrad und Nähung und hat nichts in Vermögen.

Die französische Colonie in Naila vertrug sich nicht sonderlich mit den Einheimischen. Privilegien, die durch Markgraf Christian Ernst den Zuwanderern gewährt wurden, wie Steuerbefreiung oder finanzielle Unterstützungen beim Hausbau sorgten für Neid und Missgunst. Auch kam es zu Streitigkeiten mit der evangelisch-lutherischen Kirche, die für eine gottesdienstliche Versorgung der Refugiés verantwortlich war. Dieser Zwist ging so weit, dass die reformierte Gemeinde einen eigenen Friedhof durchsetzte. Seine Lage befand sich  unterhalb der heutigen Sparkasse.

Das Bestreben nach eigenständigem Gemeinschaftsleben fand im Unterhalten eines eigenen Bet- und Versammlungshauses,

dem „Clötterschem Hauß“. Der Vorbesitzer, Philipp Christian Clötter, von Beruf Strumpfwirker, unterstützte den Wunsch seiner Glaubensbrüder. Durch Sammlungen in Holland konnte er jedoch nur einen bescheidenen Betrag erbetteln. Im Jahr 1742 geriet er in eine solche wirtschaftliche Zwangslage, dass er sein Haus an die Gemeinde verkaufen musste. Das ehemalige hugenottische Bethaus befand sich unterhalb der evangelischen Kirche, Kirchberg Ecke Neue Straße. Nach dem Auflösen der Gemeinde 1815, wurde das Haus verkauft und aufgeteilt. Der große Brand von 1862 vernichtete das Gebäude komplett.

Der Wohnbereich der Gemeindemitglieder ist auf Grund der dürftigen Quellenlage schwieriger zu erfassen. Die wenigen Eintragungen in den Katastern von 1812 und 1856 lassen jedoch die Vermutung zu, dass die Reformierten besonders im Ortsteil um Neue Straße und Karlsgasse, also in naher Nachbarschaft zu ihrem Bethaus, in recht bescheidenen Verhältnissen gelebt haben müssen. Somit bildeten die Hugenotten wie schon im sozialen Bereich so auch in der räumlichen Ansiedlung eine Randgruppe, deren Mittelpunkt das Clötterhaus bildete.

Der Name des Strumpfwirkers Philip Christian Clötter, der in der Geschichte seines Wohnortes einen wichtigen Platz einnimmmt, ist heute in Naila so gut wie vergessen.

 

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